Die Kolumne von Ernst von Früher


Leere Worte


Alltäglich sprechen wir miteinander – über das Wetter, die Politik, die Arbeit, das Essen, die Krankheiten, die Last und die Lust... über uns und die Welt. Wir reden, wie uns der Schnabel gewachsen, die Sprache gegeben ist. Ist denn aber unser alter Schnabel, wie er uns in der Evolution zugewachsen ist, überhaupt noch geeignet, uns die Dinge der Welt, die wir um so viele künstliche Gebilde vermehrt haben, einzuverleiben?

Man darf es bezweifeln. Mit zunehmendem Tempo hat die wissenschaftliche, technologische, wirtschaftliche, soziale Entwicklung mit ihrer Spezialisierung, Mathematisierung und Globalisierung ihre eigenen, nur Fachleuten zugängliche Sprachen entwickelt. Selbst innerhalb der Fachgebiete, zwischen verwandten Zweigen der Forschung und Darstellung wird eine effiziente Kommunikation zunehmend problematisch.

Dies alles hat, wie der amerikanischen Literatur- und Sprachwissenschaftler George Steiner es formuliert, »die Reichweite und den Wahrheitsgehalt der natürlichen Sprache verarmen lassen«, zumal gleichzeitig die pure Menge der jederzeit und jedem verfügbaren Informationen ins Unermeßliche wuchs, jenseits aller Möglichkeiten, verarbeitet werden zu können.

Steiner diagnostiziert (und beschreibt in seinem Buch »Gedanken dichten«) eine Entwicklung von »dramatischem Ausmaß«. Die Alltagssprache habe sich »zu einem Trödel aus leblosen Metaphern, altersgrauen Fiktionen und griffbereiten Fälschungen gewandelt.« Unsere alltäglichen Gegenstände, Tische, Stühle, Fernseher hätten mit ihrer physikalischen, atomaren, komplexen Wirklichkeit nichts mehr zu tun. »Unsere Umgangssprache bewohnt vorgefertigte Klischees. Unsere ›Zeit‹, unser ›Raum‹ sind archaische, fast allegorische Banalitäten, ohne Verbindung zu relativistischen Algorithmen. Aus dem Blickwinkel der theoretischen und exakten Wissenschaften gleicht unsere Sprache dem Geplapper von Neandertalern.«

Unter den vielen Spezialitäten der Neuzeit ist nämlich eine ganz spezielle, die all die anderen durchdringt, die selber eine Art Sprache ist, die aber konkrete Dinge hervorbringt wie das göttliche Wort in der biblischen Schöpfungsgeschichte: die digitale Kunstfertigkeit. Sie sprach zum Beispiel: »Es werde das WWW!« Und siehe, es ward das Internet.Und dort in den digitalen Medien entwickelte sich ein völlig ungezügelter Alltagswortgebrauch.

Codierung, Speicherung, Verarbeitung und Verbreitung von Information, »die Freiheit von Individuen oder Gruppen, ihre Neologismen einzugeben und zu übermitteln«, stellen nach Steiner »eine nicht mehr rückgängig zu machende Abweichung dar«, Abweichung von kulturell tradionell verankerten, aber obsolet gewordenen Gewißheiten des Sprachgebrauchs. Willkürliche Neubildungen, Umdeutungen von Ausdrücken, mehrdeutige Wendungen würden milliardenfach und in Bruchteilen von Sekunden in Umlauf gesetzt.

Neue Begriffe entstehen, neue Formen und Techniken der Unterhaltung ersetzen alte. Aber all die scheinbare Vielfalt des Neuen erweist sich bei näherem Hinsehen und in mancher Hinsicht als Verarmuung.

So schreibt Steiner: »Eine Schatzkammer aus Wörtern, aus der Shakespeare, Milton oder Joyce sich tausendfach bedienten, hat sich gemäß einer statistischen Erhebung von Telefongesprächen und E-Mails eines Durchschnittstages in Nordamerika auf circa fündundsechzig Wörter reduziert. Keine Werbung geht das Risiko eines Nebensatzes ein. Konjunktive, Hoffnungsträger und Vermittler alternativer Lebensentwürfe, verschwinden mehr und mehr, selbst aus dem Französischen, das einst ihre stolze Heimat war... Der tägliche Diskurs unzähliger Männer und Frauen, der Jungen, das betäubende Geplapper der Medien ist minimalistischer Jargon (Schwatzkammer statt Schatzkammer).«

Wohin die Entwicklung geht, weiß keiner, aber daß sie mit hoher Geschwnidigkeit geht, ist gewiß. – Zum Guten oder Schlechten? Das zu bewerten, wird auch auf den Standpunkt des Betrachters ankommen. Was einer nicht weiß, macht ihn nicht heiß. Früher kannte jeder Volksschüler die Glocke von Schiller. Heute kennen viele nicht einmal mehr Schiller. Ist das ein Verlust? - Was ich nicht kenne, vermisse ich auch nicht.

Aber die, die etwas vermissen, die Alten, die ihre Alten lieben – sind sie die Gekniffenen? Mitnichten, denn das ist nun wieder ein Riesenvorteil der neuen Welt, daß sie den, der sie zu nutzen weiß, schier Unerschöpfliches bietet: die zahlreichen Archive, Bücher (die ja, selbst wenn es einmal keine neuen mehr geben sollte, in den Bibliotheken liegen, digital erreichbar in allen Sprachen), Bilder, Musik... Die unendlichen Speicher heben alles auf – selbst dann noch, wenn längst keiner mehr danach fragt.

 

 

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